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09.07.2018

Die Reduktion als Leitmotiv

Liechtensteiner Vaterland, 9. Juli 2018

Die traditionsreiche Brennerei Telser bleibt in Familienbesitz – aber auch stillgelegt. Inhaber Marcel Telser legt den Fokus künftig ganz auf seine Schätze im Fasslager, die in deutlich kleineren Mengen und neuem, schlichtem Gewand verkauft werden.
TRIESEN.
Sich von etwas zu trennen, was einem lieb und teuer ist, kann so unglaublich schwer sein. Marcel Telser hat es erlebt. Weniger bei sich selbst, als bei seinem neunjährigen Sohn. «Er identifiziert sich sehr stark mit unserer Brennerei. Das hatte ich in dieser Form gar nicht realisiert», erzählt der Inhaber der Telser Distillery. Immer wieder habe er lautstark gegen den geplanten Verkauf des Familienbetriebs protestiert, habe gesagt, das Brennhandwerk einst selbst erlernen zu wollen. «‹Papa, kannst du mir nicht zeigen, wie das geht?›, hat er mich gefragt.» Wie soll ein Vaterherz da hart bleiben können? Zumindest ein Zweifel war gesät.

Gleichwohl blieb der Verkauf natürlich eine ernsthafte Option. Und an potenziellen Übernahmekandidaten mangelte es auch nicht. Zwei schweizerische, ein deutsches und mit einer Brauerei gar ein inländisches Unternehmen bekundeten unter anderem ihr Interesse an Marke, Beständen und Ausrüstung, die sowohl einzeln als auch in Kombination zum Verkauf standen. Allein, zu einer finalen Einigung kam es nie. Die grösseren Interessenten hätten nach Durchsicht der Zahlen festgestellt, dass dieses Investment für sie nicht passe, bei den kleineren sei in der Regel die Finanzierung das Problem gewesen, sagt Telser. Zwei Mal brach er die Verhandlungen auch aus anderen Gründen ab: «In einem Fall offenbarten meine Recherchen, dass der Interessent zuvor schon zwei Mal Konkurs gegangen war, in einem anderen lagen wir einfach nicht auf der gleichen Wellenlänge.»

Aufgehendes Licht im Fasslager
Dem Sohnemann kam diese Entwicklung selbstredend nicht ungelegen. Doch was, musste sich Marcel Telser fragen, wäre denn eine konkrete, sinnvolle Alternative zum Verkauf? Eine Fortführung des Betriebs in der bisherigen Form stand für ihn wenig überraschend nicht zur Debatte. Die hohe Arbeitsbelastung, die ihn erst im November 2017 veranlasst hatte, das Ende seiner nur im Nebenberuf ausgeübte Tätigkeit als Brennereibetreiber zu verkünden, wäre schliesslich nach wie vor die gleiche. Auch eine Produktion in reduziertem Umfang stellte für den Juristen keine Option dar.
Eine Idee davon, wohin die Reise gehen könnte, begann sich vor einigen Wochen herauszukristallisieren, als Marcel Telser durch sein Fasslager streifte. «Während ich mich so durchprobierte, dachte ich mir: ‹Das alles kannst du wirklich nicht einfach weggeben. Hier entstehen richtig tolle Sachen›», erinnert er sich. Also sei er in sich gegangen, habe seine Gedanken geordnet und sei letztlich auf eine Lösung gestossen, hinter der er absolut stehen könne: «Wir behalten die Brennerei, zielen im Bezug auf zeitlichen und finanziellen Aufwand aber auf extremste Reduktion.»

Der Weg zurück bleibt offen
Im Detail bedeutet das, dass die Gesellschaft «Telser Distillery Ltd.» aufgelöst wird und der Betrieb künftig als Einzelunternehmung daherkommt. Sämtliche Konzessionen und Bewilligungen werden zurückgegeben – mit Ausnahme jener für die Führung einer privaten Brennerei. «So können wir weiterhin brennen, wenn wir das wollen. Derzeit gibt es aber keinerlei Pläne, die Brennerei wieder aufleben zu lassen», erklärt Telser. «Sie liegt still.»
Was dagegen weiterläuft, ist der Verkauf von Produkten aus dem Hause Telser. Allerdings in ganz anderem Rahmen. Durch die Umwandlung in ein Einzel­unternehmen und die Rückgabe fast aller Bewilligungen sei der bisherige Umfang gar nicht länger möglich, erklärt der 47-Jährige. «Ich werde jährlich noch zwischen 200 und 400 Flaschen verkaufen können.»
Geplant ist, jährlich einen neuen in Fassstärke abgefüllten Whisky zu präsentieren, der je nach Grösse des auserkorenen Fasses in 60 bis 250 Flaschen auf den Markt kommt. Diese «annual releases» halten bewusst eine gewisse Distanz zur Marke und dem, was war, und sind so zugleich Symbol des neuen Wegs, den der Inhaber der 1880 gegründeten Brennerei zu gehen gedenkt.
Einerseits manifestiert sich das in der Optik: Die so typische 0,5-l-Flasche mit rhombischem Grundriss hat ausgedient. «Sie war damals wichtig, weil sie geholfen hat, sich von der Konkurrenz zu unterscheiden», sagt Telser. Heute sei diese Notwendigkeit nicht mehr gegeben. Die Etablierung ist längst gelungen. Stattdessen setzt der Triesner neu auf eine klassische Whisky-Flasche mit 0,7 Litern Fassungsvermögen. Deren Schlichtheit korrespondiert wiederum bestens mit dem ebenfalls neu designten Etikett, das durch pointierten
Purismus besticht. «Die Wort-Bild-Marke wird verschwinden. Den Brand müssen wir schliesslich niemandem mehr erklären», so Telser.


Authentischer und persönlicher
Andererseits wird die Veränderung auch im Geschmack ihren Niederschlag finden – wobei die optische Zurückhaltung diesen Effekt noch verstärken soll. «Durch den Wegfall von Zeit- und Mengendruck kann ich mehr in das Produkt investieren, meine Erfahrung voll einbringen», freut sich der 47-Jährige. «Das, was jetzt kommt, sind Marcel-Telser-Produkte – persönlicher, authentischer, charaktervoller.»
Zusätzlich zum «annual release» eines Whiskys wird Marcel Telser pro Jahr mindestens eine andere fassgereifte Spirituose aus seinen Beständen als «special release» auf den Markt bringen. Die Philosophie bewusster Zurückhaltung wird dabei nicht weniger konsequent umgesetzt. Weil Telser überzeugt davon ist: «Ich glaube, dass das funktioniert. Die Reduktion auf das, was ein Produkt tatsächlich ist, hat eine ganz eigene Magie und Wirkung.»


Exklusiver Vertrieb über Mövenpick Liechtenstein
Wer sich davon überzeugen möchte, muss nicht mehr allzu lange warten. Den ersten Whisky will Telser noch in diesem Jahr abfüllen. Zu erstehen sein wird er ausschliesslich bei Mövenpick Weinkeller Liechtenstein in Vaduz. Das Geschäft wird ab dem 1. Januar 2019 exklusiv für den Vertrieb der Produkte von Marcel Telser verantwortlich zeichnen. «Mövenpick war nicht nur mein stärkster Kunde. Die Verantwortlichen kennen auch meine Produkte, wissen, was ich tue, und sind sehr kompetent. Ausserdem liegt das Geschäft auf meinem Arbeitsweg», erklärt der 47-Jährige.
Der Aufwand lässt sich auf diese Weise noch einmal reduzieren, die Effizienz steigern. Ganz so, wie sich Marcel Telser das ausgemalt hat. Die einzelnen Pinselstriche, glaubt er, sind nun alle an Ort und Stelle. Das Gesamtbild, so vermelden es Kopf und Herz, ist ein stimmiges. «Ich freue mich darauf.» Der Nachwuchs wird es gerne vernehmen – und sich seine Gedanken machen können, ob er die Brennerei in fünfter Generation tatsächlich wieder in Betrieb nehmen möchte. Ein wenig Zeit hat er dafür noch. Bis der Fassbestand aufgelöst ist, hat sein Vater hochgerechnet, dürften noch gut zwei Jahrzehnte ins Land ziehen. (bo)



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